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„Der Himmel muss warten“ von Sandra Reichert

von Marie
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Rezension zu Der Himmel muss warten von Sandra Reichert

Im Mai bekam ich von der Autorin Sandra Reichert eine Anfrage, ob ich ihren Debütroman Der Himmel muss warten lesen möchte – und ja, ich wollte. Das Thema Depression interessiert mich aus persönlichen Gründen, da ich seit Jahren mit dem „schwarzen Hund“ zu kämpfen habe.

Der Himmel muss warten – worum geht’s?

Berlin im Herbst 2019. Wegen mehrfachen Suizidversuchs landet Maria Parker in einer Klinik. Das Wichtigste in ihrem kargen Gepäck: der Wunsch, einen Menschen zu finden, mit dem sie gemeinsam aus dem Leben scheiden kann. Es kommt anders. Die Lebensgeschichten der Menschen, die die junge Frau dort kennenlernt, berühren sie tief. Es wird immer unvorstellbarer, deren Tod zu verursachen. Dann setzt ihr wider Erwarten der plötzliche Suizid einer Leidensgenossin schwer zu. Allmählich bleibt Maria nur die Wahl, sich ihren Ängsten zu stellen … Sie ringt mit sich, wagt sich schließlich heran an die Gründe ihrer Krankheit, die sie längst verdrängt und vergessen hatte. Mit Schmerzlust und Galgenhumor erzählt sich Maria Parker zurück in die Welt – gegen ihre Überzeugung, dass das Leben eine Zumutung ist.

Klappentext

Vielschichtige Charaktere

In der Klinik treffen wir auf unterschiedliche Menschen, unsympathische wie auch sehr liebenswerte. In vielen Gesprächen offenbaren sie sich, einige mehr, andere weniger und teilen Gedanken, Hoffnungen und Wünsche. Besonders berührt hat mich der todkranke Jan, der so tiefsinnig für sein junges Alter wirkt. Nicht lange, aber lange nachhallend ist sein Zusammentreffen mit Maria.

Du darfst müde sein, erschöpft, Trost benötigen und ihn dir holen, Pausen einlegen, doch bitte: Aufgeben ist keine Option. Auch du bist keine Insel.

Seite 124

Schön: Obwohl Der Himmel muss warten ein Roman ist, lassen sich die Ratschläge von Maria und ihren Mitmenschen auch wunderbar in die reale Welt mitnehmen. Ich habe mir einige Zitate notiert.

Schwere Themen leicht verpackt

Auffällig ist der Schreibstil, mit dem Sandra Reichert ihre Protagonistin Maria als Ich-Erzählerin auftreten lässt. Leicht – nicht seicht! – kommen die Sätze daher und Maria erstaunt mit einem trockenen, manchmal auch schwarzen Humor.

Seit meinem dritten Selbstmordversuch kann ich sagen, dass zu sterben gar nicht so leicht ist. Keine große Sache, sollte man meinen, schaffen es doch weltweit täglich 172.800 Menschen. Das ergibt pro Sekunde zwei.

Seite 14

Die Leichtigkeit und der immer wieder eingestreute Witz sorgen dafür, dass sich der Debütroman trotz schwerer Themen wie Depression, Suizid(gedanken) oder Angststörungen sehr gut lesen lässt.

Offen und ehrlich

Sehr gefallen hat mir, dass Sandra Reichert ganz offen und direkt über psychische Krankheiten schreibt. Sie verschleiert nichts und lässt uns an den Schicksalen der Menschen in der Klinik und ihren Gedanken teilhaben. Die Protagonistin Maria wirkt dabei sehr authentisch, mal fröhlich, albern und voller Freude, mal im wahrsten Sinne des Wortes lebensmüde. Ihre unterschiedlichen Stimmungen konnte ich gut nachvollziehen.

Allerdings – und das ist der einzige kleine Wermutstropfen – gab es zum Ende eine Szene, in der mich ihr Verhalten irritiert, wenn nicht sogar schockiert hat. Als Metapher zwar erkennbar, hat sie mich dennoch zwiegespalten zurückgelassen.

Depression ist eine Krankheit

Insgesamt ist Der Himmel muss warten eine gelungene Auseinandersetzung mit dem Thema Depression. Tiefgründig und mit viel Einfühlungsvermögen bringt uns Sandra Reichert diese Krankheit näher. Man sucht sich die Depression nicht aus, sie kommt einfach ungefragt.

Niemand wählt die Depression. Das ist keine Entscheidung. Diese Krankheit gaukelt ihren Wirten Ausweglosigkeit vor. Dabei lehrt sie Verhaltensmuster, die einzig zum Schaden gereichen, während sie selbst sich davon nährt. Es gilt, sich davon zu befreien.

Seite 169

Umso wichtiger sind solche Bücher, die das Thema auch nicht-betroffenen Menschen nahebringen. Der Himmel muss warten zeigt auf, wie sprunghaft die eigenen Emotionen sind, wenn die Krankheit einen fest im Griff hat.

Fazit

Mit Leichtigkeit, Empathie und einer direkten, teils auch sehr (schwarz-)humorigen Art schreibt Sandra Reichert in Der Himmel muss warten über das wichtige Thema psychische Erkrankung. Ein authentischer Debütroman, den ich euch gerne ans Herz lege.

Herzlichen Dank an die Autorin Sandra Reichert für das Rezensionsexemplar.

Der Himmel muss warten von Sandra Reichert.
Am 01.09.2022 im Müry Salzmann Verlag erschienen.
ISBN: 978-3-99014-231-8 / 208 Seiten
Bewertung: 4,5/5

4 Kommentare

Sandra Reichert 22. Juni 2023 - 14:02

Liebe Marie,

meinen herzlichsten Dank für deine Zeilen und all dein tiefes Lesen!
Sich diesem Thema zu widmen ist keine leichte Aufgabe – doch haben dein offenes und mutiges Herz sich dieser Aufgabe gestellt. Meinem Buch und mir bedeutet das die Welt! Danke, dass du seit unserem Austausch meine bereicherst.
Bitte mach weiter – dein Blog ist ein Schatz.
Nur Liebe und Gutes für dich,
Sandra

Antworte
Marie 22. Juni 2023 - 21:13

Liebe Sandra,
ich danke dir für deine lieben Zeilen!
Sie machen mich sehr glücklich.❤️
Alles Liebe,
Marie

Antworte
BuchBesessen 23. Juni 2023 - 12:53

Tolle Rezension! Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie gut manche Menschen schwere Themen in leichte Geschichten verpacken können. Und ich mag deine Ehrlichkeit in der Einleitung. <3

Antworte
Marie 23. Juni 2023 - 12:59

Vielen Dank! ❤️ Ich stimme dir zu, das finde ich auch sehr bewundernswert. Bei diesen Themen wäre ein beklemmendes Gefühl ja quasi vorprogrammiert.

Danke auch für deinen letzten Satz. Das bedeutet mir viel. ❤️

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