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„Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit“ von Karl Ove Knausgård

von Marie
Veröffentlicht: Letztes Update 57 Aufrufe
Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit von Karl Ove Knausgård

Im vergangenen Jahr gehörte Der Morgenstern von Karl Ove Knausgård zu meinen Lieblingsbüchern. Die Episodengeschichten um verschiedene Norweger und ihren Alltag unter dem Blick eines neuen Sterns haben mich von Beginn an in ihren Bann gezogen. Mit Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit hat der norwegische Autor nun den Folgeband veröffentlicht. Aber ist es überhaupt eine Fortsetzung?

Worum geht’s?

Norwegen 1986. In Tschernobyl ist gerade ein Atomreaktor explodiert und Syvert kehrt vom Militärdienst zu seiner Mutter und seinem Bruder zurück. Eines Nachts träumt er von seinem toten Vater, und glaubt, dass dieser ihm eine Botschaft übermitteln will. Syvert durchsucht die Sachen seines Vaters und stellt fest, dass sein Vater ein Doppelleben führte, das bis in die Sowjetunion führt. Ein Leben, das mit der russischen Wissenschaftlerin Alevtina zu tun hat, die viele Jahre später zum 80. Geburtstag ihres Vaters reist, und nicht weiß, dass sie bald Besuch aus Norwegen bekommen wird. Und mit ihrer Freundin Vasilisa, die ein Buch über einen eigenwilligen und alten Zug der russischen Kultur schreibt: den Glauben an ein ewiges Leben …

Nein, eine Fortführung der Geschichte ist Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit nicht. Schon allein deshalb, weil die Erzählung hier viel früher einsetzt und die Hälfte des 1056 Seiten starken Romans in den 1980er Jahren spielt. Aber das ist nicht der einzige Unterschied zum Vorgänger.

Norwegen und Russland

Die erste Hälfte handelt von dem jungen Syvert und seinem Leben im Norwegen der 1980er Jahre. Ein ganz alltägliches Leben. Ich habe Syvert beim Kochen, Schlafen und Arbeiten begleitet, habe Verabredungen, Misserfolge, Streit und Freude miterlebt. Hier nicht zu denken „meine Güte, ist das langweilig“ braucht schon einen Knausgård. Allerdings habe ich nach 400 Seiten dann doch etwas Verschnaufpause gebraucht, besonders bei der Arbeit im Bestattungsinstitut. Dann wechselt die Geschichte nach Russland und in die Gegenwart. Hier habe ich vor allem Alevtina kennengelernt, die trotz beruflicher Erfolge einsam ist und mit der sich schließlich der große Kreis zu Syvert schließt.

Gott und die Welt

Ausdauer! Das ist das erste Wort, das mir einfällt, nachdem ich die letzte Seite gelesen habe. Ihr braucht Ausdauer für Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit. Karl Ove Knausgård nimmt so viele Themen auf, von der Evolutionslehre über Radioaktivität und die Nicht-Existenz von Farben bis zu den Gedanken, ob Bäume kommunizieren und was eigentlich eine Familie ist. Seitenlang sind die Ausführungen über Pilze, Unsterblichkeit und Gott. Woher kommt das Leben und ist das menschliche Leben so viel mehr wert als alles andere? Fragen über Fragen, ausschweifend dargelegt.

Hier alles zu erfassen, war mir teilweise nicht möglich. Im Gegensatz zu Der Morgenstern ist der zweite Band viel theoretischer. Aber – und ich schreibe es erneut – haltet durch! Denn am Ende fügt sich alles zusammen. Tatsächlich musste ich das Buch beenden und über das Gelesene nachdenken, bevor alles einen Sinn ergeben hat. Doch dann ist mir nur ein Wort eingefallen: Genial! Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich tatsächlich alle Zusammenhänge erfasst habe (wahrscheinlich nicht). Das Buch wird mich sicherlich noch eine ganze Weile beschäftigen.

Weniger Dynamik

Im Vergleich hat mir Der Morgenstern ein wenig besser gefallen. Das liegt vor allem daran, dass oft die Perspektiven gewechselt haben und dadurch mehr Dynamik entstanden ist. In Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit (ich liebe diesen Titel!) kommt Knausgård mit viel weniger Personal aus, die aber weitaus tiefsinnigere Gedanken hegen. Außerdem hätte ich mir mehr über den neuen Stern gewünscht. Da dieses Buch die Vorgeschichte ist, taucht der Morgenstern jedoch erst auf den letzten Seiten des Buches am Horizont auf.

Fazit

Mit seinen knapp 1060 Seiten ist Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit ein wahrer Wälzer, für den man sich wegen der komplexen Gedanken Zeit nehmen muss. Karl Ove Knausgård verpackt viele Themen in eine Geschichte, die erst am Schluss einen Sinn ergibt. Doch wie sich letztlich alles zusammenfügt, ist so großartig, dass ich eine absolute Leseempfehlung ausspreche.

Herzlichen Dank an das Bloggerportal von Penguin Randomhouse für das Rezensionsexemplar.

Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit (OT: Ulvene fra evighetens skog) von Karl Ove Knausgård
am 15.02.2023 im Luchterhand Literaturverlag erschienen.
Aus den Norwegischen übersetzt von Paul Berf.
ISBN: 978-3-630-87635-1 / 1056 Seiten

3 Kommentare

Zeilentänzerin 18. Februar 2023 - 15:23

Hallo Marie, das klingt wirklich interessant! Mich hätten die 1060 Seiten abgeschreckt, ich finds aber toll, dass es anderen da anders geht als mir, denn so werden Buchschätze entdeckt.

Zeilentänzerin

Antworte
Marie 22. Februar 2023 - 12:30

Wenn ich den ersten Band nicht gelesen hätte, hätten mich die vielen Seiten wohl auch abgeschreckt. Aber so wollte ich unbedingt wieder in die Knausgård-Welt eintreten. :)
Liebe Grüße
Marie

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„Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit“ von Karl Ove Knausgård – reisswolfblog 7. März 2023 - 11:26

[…] Weitere Rezensionen: „Wörter auf Papier“, […]

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