Werbung: Herzlichen Dank an den Dumont Verlag für das Rezensionsexemplar.
Es gibt Autorinnen, bei denen ich schon beim Aufschlagen des Buches ein ziemlich genaues Gefühl davon habe, was mich erwartet. So geht es mir mit Marisha Pessl, deren neuen Roman „Darkly“ ich euch hier vorgestellt habe. Aber auch mit Jess Kidd. Seit „Der Freund der Toten“ bin ich ihrem eigenwilligen Mix aus schrägen Figuren, feinem Humor und dieser oft fast schon greifbaren Atmosphäre verfallen. Entsprechend neugierig war ich auf ihren neuen Roman „Mord in der Pension Möwennest“.
„Mord in der Pension Möwennest“ – worum geht es?
1954: Nach Jahrzehnten hinter Klostermauern beginnt für Nora Breen ein neues Leben, doch die Freiheit führt sie direkt in ein Rätsel. Denn als die Briefe ihrer ehemaligen Novizin Frieda plötzlich ausbleiben, reist Nora in das Küstenstädtchen Gore-on-Sea. Dort hatte Frieda zuletzt in der Pension Möwennest gewohnt, bevor sie von einem Tag auf den anderen spurlos verschwand.
Nora zieht selbst im Möwennest ein und merkt schnell, dass hinter der charmanten Fassade der Pension Misstrauen, Lügen und alte Wunden lauern. Jeder Gast scheint etwas zu verbergen. Und als ein junger Mann nach einer Tasse Kaffee tot zusammenbricht, wird aus der Suche nach Frieda plötzlich ein Mordfall. Während die Polizei vorschnell von Selbstmord ausgeht, beginnt Nora auf eigene Faust zu ermitteln – zwischen höflichen Fassaden, Seeluft und dunklen Geheimnissen.
Nora sagt sich, die Welt mag ja verwirrend scheinen, aber sie ist einfach nur die Summe ihrer Teile. Nimm sie Stück für Stück, dann kannst du das Ganze verstehen.
Seite 11
Eine herrliche Ermittlerin
Nora Breen ist der Grund, warum dieses Buch so gut funktioniert. Sie gehört zu diesen Figuren, die sofort Leben entwickeln. Klug, eigensinnig, manchmal wunderbar ruppig – und dabei erstaunlich warmherzig. Besonders die Dialoge mit Inspector Rideout machen großen Spaß. Zwischen den beiden knistert weniger Romantik als vielmehr gegenseitige Irritation, und genau das sorgt für einige der besten Szenen des Romans. Zur Not fliegt auch mal ein Schuh.
Rideout hebt eine Braue. Nora muss zugeben, sie wirkt flott, die Braue. So welche hat sie schon immer gemocht.
Seite 60
Auch das Setting funktioniert wunderbar: ein britischer Küstenort, eine leicht heruntergekommene Pension, Möwen, salzige Luft und Gäste, die alle ein bisschen verdächtig wirken. Das sorgt für genau dieses gemütlich-skurrile Cosy-Crime-Gefühl, ohne dabei völlig harmlos zu werden. Denn stellenweise wird es tatsächlich überraschend unheimlich.
Poppy nickt. »Sagen wir einfach, es war eine kurvenreiche Straße, die uns hergebracht hat. Mit vielen merkwürdigen Abzweigungen.« Er sieht sie gewitzt an. »Das Möwennest ist so ein Ort, oder? An dem Träumer und Ränkeschmiede angeschwemmt werden.«
Seite 73
Eigentümliche Atmosphäre, aber weniger bildhaft
Was mir diesmal allerdings ein wenig gefehlt hat, ist die sprachliche Wucht früherer Bücher von Jess Kidd. Gerade ihre bildhafte, fast verspielte Sprache war für mich immer etwas Besonderes. „Mord in der Pension Möwennest“ wirkt dagegen deutlich zurückhaltender. Nicht schlecht geschrieben – überhaupt nicht -, aber weniger überraschend, weniger funkelnd. Und im Gegensatz zu den anderen Romanen habe ich mir diesmal weniger Zitate notiert.
Trotzdem hat der Roman genau diese eigentümliche Atmosphäre, die Jess Kidd so gut beherrscht. Zwischen skurrilem Humor, leiser Melancholie und kleinen unheimlichen Momenten entsteht ein Cosy Crime, der sich angenehm eigenwillig anfühlt. Kein glatt polierter Spannungskrimi, sondern eher ein windschiefer Küstenort in Buchform.
Du sprichst über die Welt, wie es sie in Büchern gibt. Aber so ist das Leben nicht. Es ist verdorben und chaotisch, und netten, lieben Menschen passieren immer wieder üble Dinge.
Seite 295
Wer britisches Flair, schräge Figuren und Ermittlerinnen mit Persönlichkeit liebt, dürfte Nora Breen lieben. Und obwohl mir ein paar Kleinigkeiten gefehlt haben, würde ich sofort noch einmal mit ihr im Möwennest einchecken. Aber auf den Kaffee würde ich verzichten … und überhaupt auf das Essen.
Fazit
„Mord in der Pension Möwennest“ ist ein atmosphärischer, leicht skurriler Cosy Crime mit einer großartigen Hauptfigur und viel britischem Charme. Zwar erreicht der Roman für mich nicht ganz die sprachliche Wucht früherer Bücher der Autorin, dennoch steckt hier wieder viel von dem drin, was Jess Kidd so besonders macht: schräge Figuren, feiner Humor und eine wunderbar eigenwillige Stimmung. Vor allem Nora Breen würde ich jederzeit gern noch einmal bei Ermittlungen begleiten.
Mord in der Pension Möwennest (OT: Murder at Gulls Nest )
von Jess Kidd.
Am 14.04.2026 im Dumont Verlag erschienen.
Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence.
ISBN: 978-3-7558-0067-5 / 384 Seiten
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