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Romane

Das Geheimnis von Zimmer 622

Mit Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert, seinem ersten ins Deutsche übersetzten Roman, hat Joël Dicker mein Herz im Sturm erobert. Auch der Nachfolger Die Geschichte der Baltimores hat mich begeistert. Ein Lieblingsautor war geboren! Doch dann kam Das Verschwinden der Stephanie Mailer und ließ mich absolut enttäuscht zurück. Wurde dieses Buch tatsächlich vom gleichen Autoren wie die beiden vorherigen geschrieben? Der Stil wirkte unfertig, es las sich wie ein erster Entwurf. Kurzum, ein Reinfall.

Aber wie sagt man so schön: Einmal ist keinmal und so freute ich mich dennoch auf Joël Dicker neues Buch Das Geheimnis von Zimmer 622. Bedingt durch die Enttäuschung des vorherigen Buches hatte ich meine Erwartungen allerdings heruntergeschraubt.

Ein Schriftsteller ermittelt

Joël Dicker ist nicht nur Autor dieses Buches, er hat sich auch gleich selbst hineingeschrieben. Als „der Schriftsteller“ ermittelt er gemeinsam mit einem Hotelgast in einem vornehmen Hotel in den Schweizer Alpen, in dem er eigentlich nur Urlaub machen wollte. Doch der immer noch ungeklärte Mordfall in dem mysteriösen Zimmer 622 stachelt seine Fantasie an. Bald ermittelt er nicht nur, sondern schreibt darüber auch in seinem neuen Buch, das eigentlich als Hommage an seinen verstorbenen Verleger geplant war.

Irrungen und Wirrungen

Wenn es etwas gibt, das Das Geheimnis von Zimmer 622 vorweisen kann, dann sind es immer wieder neue, teils absonderliche Wendungen. Ich bin eigentlich ein Fan von unerwarteten Wendungen, aber hier erscheinen sie teilweise recht unglaubwürdig. Da ich nicht spoilern möchte, kann ich leider nicht richtig darauf eingehen. Ich habe mich aber mehr als einmal gefragt, ob bestimmte Umstände wirklich nicht auffallen. Zumal der Roman ja auch damit kokettiert, dass das Ganze so geschehen sein könnte und das wird dann noch unglaubwürdiger. Andererseits sorgen die Wendungen dafür, dass der Roman unterhaltsam bleibt und mit dem Ignorieren der unglaubwürdigen Verwicklungen kommt auch ein gewisser Lesespaß.

Seifenoper und unsympathische Charaktere

Obwohl die Wendungen manchmal unglaubwürdig waren, haben sie zumindest dafür gesorgt, dass ich das Buch zu Ende lese. Irgendwann wollte ich dann doch wissen, worauf das alles hinausläuft. Was mich beinahe zum Abbruch bewegt hat, war Joël Dickers Stil, der leider wieder nicht an seine ersten beiden Bücher heranreichte und mehr an Das Verschwinden der Stephanie Mailer erinnerte. Bei einigen Sätzen und Gesprächen standen mir teilweise die Haare zu Berge.

Sie zelebrierten ein langes Ritual, um füreinander bereit zu sein. Mit wachen Sinnen fühlten sie, je näher die Stunde heranrückte, die steigende Spannung vor der nächsten Wiederbegegnung. Lew machte erst Liegestütze, dann duschte er lange und im Anschluss untersuchte er jeden Quadratzentimeter seines perfekt definierten Körpers.

Das Geheimnis von Zimmer 622, Seite 431

Das klingt nach einem halbgaren Erotik-Roman, aber nicht nach Joël Dicker!

Nervtötend waren auch einige Charaktere, angefangen bei Anastasia, die immer wieder betont, wie egal ihr der Reichtum ist und dass sie nur den einen Mann will – ob mit oder ohne Geld. Gleichzeitig schwelgt sie aber im Luxus, trägt jeden Tag ein anderes Kleid (obwohl sie das unnötig findet – warum macht sie es dann?) und steigt in Privat-Jets. Lew, eine weitere Hauptfigur, gilt als der charmante Herzensbrecher. Aber wenn ich sehe, was er sich im Laufe des Romans alles leistet, frage ich mich, warum ihn alle so toll finden. Eigentlich ist er ein fieser Typ und sein Ende fand ich absolut unverdient.

Kein gutes Haar…?

Ich weiß, es klingt danach, als wäre das Buch ein totaler Reinfall. Dennoch habe ich die gesamten 624 Seiten gelesen, da es zwischendurch immer wieder amüsant und unterhaltsam war. Allerdings lag es auch daran, dass ich mit geringeren Erwartungen an das Buch gegangen bin. Dadurch war der Fall nicht ganz so groß.

Was mir sehr gefiel, war Joël Dickers Hommage an seinen verstorbenen Verleger Bernard de Fallois. Dieser war u. a. ein großer Fan von Vom Winde verweht, weshalb eine weitere Figur des Buches Scarlett heißt. Solche Details haben die unschönen Punkte ein wenig verdrängt. Insgesamt ist Das Geheimnis von Zimmer 622 ein mittelmäßiger Roman, den ich nur bedingt empfehlen kann. Lest lieber die brillanten Bücher Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert und/oder Die Geschichte der Baltimores.

Fazit

Ein Roman mit vielen (an den Haaren herbeigezogenen) Wendungen, einer manchmal in einen Seifenoper-Stil abdriftenden Sprache und unsympathischen Figuren. Was ist aus Joël Dickers Schreibkunst geworden?


Buchcover: Das Geheimnis von Zimmer 622 von Joël Dicker

Titel: Das Geheimnis von Zimmer 622
Originaltitel: L’Énigme de la Chambre 622 (FR 2020)
Autor: Joël Dicker
Verlag: Piper
Seitenzahl: 624
Genre: Roman
Veröffentlicht: 01.03.2021
Übersetzerin: Michaela Meßner, Amelie Thoma
ISBN: 978-3-492-07090-4

Auf der Verlagsseite findet ihr weitere Infos zum Buch und zum Autor.

Klappentext: Eine dunkle Nacht im Dezember, ein Mord im vornehmen Hotel Palace de Verbier in den Schweizer Alpen. Doch der Fall wird nie aufgeklärt. – Einige Jahre später verbringt der bekannte Schriftsteller Joël Dicker seine Ferien im Palace. Während er die charmante Scarlett Leonas kennenlernt und sich mit ihr über die Kunst des Schreibens unterhält, ahnt er nicht, dass sie beide in den ungelösten Mordfall hineingezogen werden. Was geschah damals in Zimmer 622, das es offiziell gar nicht gibt in diesem Hotel …


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