Startseite RezensionenSachbücher & BiografienWarum wir gefallen wollen: Rezension zu Meg Josephsons „Bist du sauer auf mich?“

Warum wir gefallen wollen: Rezension zu Meg Josephsons „Bist du sauer auf mich?“

von Marie
Beitragsbild zur Rezension von Bist du sauer auf mich? von Meg Josephson

Werbung: Herzlichen Dank an den Dumont Verlag für das Rezensionsexemplar.

Auf der Leipziger Buchmesse 2025 stellte der Dumont Verlag ein Buch mit zehn scheinbar harmlosen Ja-oder-Nein-Fragen vor. Je mehr Ja, desto eher sei dieses Buch das richtige. Ich kam auf zehn von zehn. Für mich ein Wink, dass ich in dem Buch etwas Wichtiges über mich selbst herausfinden kann. Das Buch hieß „Bist du sauer auf mich?“ und ich stelle es euch im Folgenden vor.

Es wird persönlich

Ganz klar: Ich kann mich nicht davon freimachen, ein People Pleaser zu sein. Und natürlich stelle ich mir auch immer wieder die Frage, warum ich so bin. Denn rational betrachtet kann mein Lebenszweck natürlich nicht darin bestehen, es anderen recht zu machen und meine eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen. Und trotzdem passiert es. Immer wieder. Genau diese Ambivalenz – das Wissen und das Nicht-anders-Können – steht im Zentrum von Meg Josephsons Buch.

Worum es geht

Meg Josephson, lizenzierte Psychotherapeutin, nähert sich dem Phänomen People Pleasing aus einer Perspektive, die vieles neu einordnet. Sie versteht dieses Verhalten nicht als Charaktereigenschaft oder persönliche Schwäche, sondern als Traumareaktion, die ihren Ursprung häufig in der Kindheit hat. In unsicheren familiären Umgebungen lernt das Kind, sich anzupassen, Stimmungen zu lesen, Konflikte zu vermeiden – um nicht abgelehnt zu werden. Was damals Schutz war, wird später zur Belastung.

Josephson verbindet ihre eigene Geschichte mit den Erfahrungen ihrer Klientinnen und Klienten und erklärt, warum People Pleasing oft mit Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Gedankenschleifen und permanenter Selbstüberwachung einhergeht. Gleichzeitig zeigt sie Wege auf, wie sich diese Muster erkennen und Schritt für Schritt verändern lassen. Ein zentraler Fokus liegt dabei auf dem Nervensystem und dem Erleben von innerer Sicherheit.

Fawning, Hypervigilanz und das nervöse System

Besonders einprägsam fand ich Josephsons Beschreibung des sogenannten Fawn Response. Der Begriff leitet sich zum einen vom englischen Verb to fawn ab – kriechen, schmeicheln, sich anbiedern. Zum anderen vom Nomen fawn, dem Rehkitz. Daraus erklärt sich auch der im Deutschen gelegentlich verwendete Begriff des „Bambi-Reflexes“: erstarren, beschwichtigen, gefallen wollen, um Gefahr abzuwenden.

Viele der Beispiele, die Josephson dafür anführt, fühlen sich erschreckend genau an – insbesondere die Passagen zur Hypervigilanz. Etwa wenn sie schreibt:

Kurze Augenblicke der Hypervigilanz sind normal, etwa wenn du beim Einschlafen plötzlich ein merkwürdiges Geräusch im Erdgeschoss hörst, dein Herz zu rasen beginnt, du dir schon eine Fluchtroute zurechtlegst, um dein kostbares Leben zu retten – und dann merkst, dass es bloß dein Trockner war.

Seite 29

Ich habe diesen Absatz gelesen und dachte: Ja. Genau so. Das bin eins zu eins ich.

Spannend und für mich neu war auch das Thema Nervensystem-Regulation. Josephson erklärt anschaulich, wie stark unser Verhalten von inneren Alarmzuständen geprägt ist – und dass Veränderung weniger über reines Verstehen, sondern über körperlich-emotionale Sicherheit funktioniert.

Ton, Aufbau und Wirkung

Was dieses Buch für mich besonders macht, ist sein Ton. „Bist du sauer auf mich?“ liest sich nicht wie ein nüchterner Fachtext, sondern eher wie eine verständnisvolle Begleitung. Josephson schreibt klar, zugänglich und sehr empathisch – ein großer Pluspunkt, gerade für ein Sachbuch. Auch die Übersetzung von Maria Mill trägt dazu bei, dass die Sprache weich bleibt, ohne unpräzise zu werden.

Der Aufbau ist gut nachvollziehbar: Fallbeispiele, Wissensvermittlung und konkrete Übungen wechseln sich ab. Zudem vermittelte mir das Buch das Gefühl, gesehen und ernst genommen zu werden. Besonders berührt hat mich Josephsons Blick auf Sensibilität, die sie nicht als Makel, sondern als Fähigkeit beschreibt:

Ich betrachte meine Empfindsamkeit als subtile Superkraft, die es mir ermöglicht, Dinge tief zu empfinden und ein klares Gespür dafür zu entwickeln, was andere fühlen.

Seite 23

Sehr gut finde ich, dass das Buch realistisch bleibt. Es verspricht keine schnellen Wunder und ersetzt im Ernstfall selbstverständlich keine Therapie. Aber es bietet Orientierung, Sprache für diffuse Gefühle und erste, alltagstaugliche Impulse. Für mich ist es somit ein tröstlicher, motivierender Ratgeber, der viel erklären, einordnen und vielleicht auch ein kleines Stück reparieren kann.

Fazit

„Bist du sauer auf mich?“ ist ein starkes, emotionales und zugleich sehr zugängliches Buch. Es bietet einen fundierten Überblick über Themen wie Trauma, Bindung und People Pleasing und schafft dabei etwas Entscheidendes: Validierung. Für Menschen, die sich als People Pleaser oder Overthinker wiedererkennen und sich nach einer zugewandten, verständnisvollen Lektüre sehnen, ist dieses Buch äußerst hilfreich.


Bist du sauer auf mich? (OT: Are You Mad at Me? )
von Meg Josephson.

Am 10.10.2025 im Dumont Verlag erschienen.
Übersetzt aus dem Englischen von Maria Mill.
ISBN: 978-3-7558-0038-5 / 320 Seiten

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